Bahn-Abo statt Firmenwagen: Die Generation Y lebt den Wertewandel

Coworking Space in BerlinAuf die deutsche Wirtschaft kommt einiges zu. Nicht nur, dass Globalisierung, Low-budget-but-Cherrypicker-Kunden und Fachkräftemangel ihr das Leben schwer machen. Nein, jetzt müssen Großunternehmen die Werte, die sie den letzten Jahren in teuren Kampagnen zur Social Corporate Responsibility (unternehmerischer Sozialverantwortung) propagierten, auch tatsächlich leben.

Dafür sorgt die „Generation Y“, die jetzt als Berufseinsteiger und Young Professionals auf den Arbeitsmarkt drängt. Und sie ist ziemlich kompromisslos. Davon profitieren auch ihre Vorgänger.

Die „Generation Y“ wird auch als „Digital Natives“ oder „Millennials“ bezeichnet. Sie beschreibt die nach 1980-Geborenen, die alles in Frage stellen, was sich über Jahrzehnte in der deutschen Wirtschaft etabliert hat. Nicht umsonst steht der englisch ausgesprochene Buchstabe „Y“ mit seinem Klang für die Frage, die diese Generation bewegt: „Why?“ – also „Warum?“ Und Unternehmen müssen nun diese Sinnfrage beantworten. Mit Taten.

Die „Generation Y“ ist eine Arbeitnehmer-Generation, wie sie mir persönlich gefällt. Eine, wie sie Unternehmen gleichermaßen die Gier nach ihnen in die Augen wie den Angstschweiß vor ihnen auf die Stirne treiben dürfte: Hochqualifizierte, selbstbewusste und leistungsorientierte Nachwuchskräfte – und doch nicht die malochenden Arbeitstiere wie ihre Eltern oder verzweifelt auf der Suche nach einem Job wie ihre Vorgänger aus der „Generation Praktikum“. Sie haben die Macht der Demografie hinter sich. Sie kennen sich bei Facebook ebenso aus wie in Paris oder Madrid oder Washington, wo sie studiert oder diverse Praktika absolviert haben. Sie nutzen daheim Technologien und Medien, die inzwischen moderner sind als die an ihrem Arbeitsplatz. Und freuen sich deswegen auf zuhause. Sie wissen, wie Freiheit riecht und dass sie praktisch alles bekommen können, was sie wollen.

Und das ist eine Menge: Elternzeit, Work-life-Balance – und eine überraschende Beschaulichkeit am Arbeitsplatz. Für umfassende Dienstreisen können sich junge Arbeitnehmer heute kaum noch begeistern. Die von Großunternehmen oft geforderten Auslandspraktika hat ihren Hunger nach der Ferne bereits oft gestillt. Sie sind Team-Spieler, aber tun sich mit Entscheidungen schwer. Sie wollen alles, und das möglichst auf einmal. Verzicht oder gar Verantwortung zu übernehmen sind nicht ihre Sache. Was die Globalisierung erfordert und was ihre Eltern noch motivierte, schreckt die „Jugend von heute“ eher ab. So das Bild, das Studien vielfach zeichnen.

Verübeln kann ich es den Ypsilonern nicht. Sie sind die Nachkommen der 1968er: Antiautoritär erzogen in den westlichen Bundesländern. In den östlichen Bundesländern aufgewachsen während der flächendeckenden Nachwende-Identitätskrise ihrer Eltern. Die mussten nach 1990 doch selbst erst lernen, wie sie in einem politischen System und an einem Arbeitsmarkt bestehen sollten, der ihnen fremd war. Was hätten sie ihren Kindern beibringen sollen?

„Hüben“ wie „drüben“ eint die Kinder und Jugendlichen dieser Zeit eins: Sie sind aufgewachsen in einer Welt der scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten. Doch ohne klare Vorgaben, Werte und Entwicklungsrahmen waren sie auf sich selbst gestellt. Sie lernten, ihre eigenen Regeln zu machen. Sie haben früh gelernt: Wer in der Konsum-und Spaßgesellschaft bestehen will, muss Erwartungen erfüllen und Leistung bringen. Und nur gemeinsam sind wir stark.

Deshalb sind sie vernetzt wie keine Generation zuvor. Setzen auf Kooperation statt auf Führung. Auf Weiterbildung statt auf Geld, wie PricewaterhouseCoopers in einer Studie herausfand. Fachkräftemangel sei Dank. Doch der allgemeine Tenor diverser Studien und der Presse birgt auch viel Negatives. Trotz aller Vernetzung ließe die Generation Y Kompetenzen vermissen, die Unternehmen so dringend brauchen: Soziale Kompetenz erwerbe man eben nicht im virtuellen Raum, sondern im direkten Kontakt. Wo man in Communities Kontakte per Mausklick „blockieren“ kann, wird im Projekt der unangenehme Kollege  trotzdem weiter im Team sein. Entscheidungsfreude und Mut zu unkonventionellen Lösungen fehle ihnen.  „Traumtänzerische“ Vorstellungen, bescheinigt die Saphir-Personalberatung der Steinbeis-Hochschule den Ypsilonern. „Wählerisch wie eine Diva beim Dorftanztee“ nennt „Der Spiegel“ sie sogar.

„Auf der Suche nach Klarheit und Sicherheit und nach dem wahren Lebenssinn“ nehme ich sie eher wahr. Denn sie sitzen in meinen Vorlesungen. Suchen den Kontakt in den Pausen. Bewerben sich bei mir als Praktikanten, Berufseinsteiger oder Young Professionals. In den Gesprächen mit ihnen wird zwischen den Zeilen klar: Eigentlich wollen sie nur wahrgenommen werden. Sie wollen ihre Träume leben, die sie entweder schüchtern im Herzen tragen oder deren Verwirklichung sie scheinbar unbeirrbar von ihren Arbeitgebern einfordern. Sie wollen einen sicheren Rahmen, in dessen klarer Ordnung sie sich entfalten können.

Ich erlebe sie angenehm menschlich; als positiven Kontrast zur strengen Rationalität, wie ich sie vielfach in meiner eigenen Generation wahrnehme. Das Firmenhandy als Privileg meiner Generation ist für sie Selbstverständlichkeit. Wo das wöchentliche Pendeln mit dem Flugzeug das Ego meiner Altersklasse kitzelte, wollen sie lieber die Jahreskarte der Bahn. Die vorgeworfene mangelnde Reife kann ich darin nicht erkennen. Verantwortliches Handeln gegenüber Gesellschaft und Umwelt dagegen schon.

Das deckt sich mit den Werten, die die  jungen Erwachsenen in einer Untersuchung von Egon Zehnder International angaben. Gemeinsam mit der „Stiftung Neue Verantwortung“ befragte sie die Ypsiloner von Dezember 2011 bis Januar 2012. Die jungen Arbeitnehmer zeichnen ein auffallend uneinheitliches Bild: Sie schätzen klassische Tugenden wie Disziplin und Bescheidenheit. Sie nehmen sich als durchschnittliche risikofreudig wahr. Und Traditionsbewusstsein ist ein wichtiges Merkmal für Wunscharbeitgeber. Führt man sich vor Augen, in welchem Rahmen sie ihre Kindheit und Adoleszenz erlebten, scheint das nur logisch für mich. Diesen Rahmen sollten Unternehmens erschaffen.

Denn leistungswillig ist die Generation Y. Anders als viele Studien es darstellen sind die jungen Arbeitnehmer nach meiner Erfahrung dazu auch fähig. Anders die genannten Studien es festzustellen meinen, haben sie auch Visionen, Pläne und Mut. Was soll falsch daran sein, dass in diesen Plänen auch andere Menschen ihren Platz finden? Dass sie diese an Sinnhaftigkeit und Werthaltigkeit, statt an nackten Zahlen ausrichten? Was ist zu kritisieren an diesen Werten, die die Deutsche Universität für Weiterbildung dokumentierte?

Denn was Medien ihnen als „Kuschelsucht“ gern vorwerfen, empfinde ich als soziale Qualitäten. Als Rückkehr zur Menschlichkeit, die mir in den letzten Jahren in der vielfach rein rational und „value-driven“ Wirtschaftswelt fehlte. Sie scheinen konsequenter zu sein als ihre Eltern, wenn es darum geht, das auch zu leben. Fähiger als diese „loszulassen“, was ihnen nicht gut tut, was ihnen nicht den Raum gibt, sich zu entwickeln. Als „mangelnden Bindungswillen“ und „Rosinenpickerei“ interpretiert dies die Presse.

Doch ist es das? Ein Stück weit vielleicht schon. Aber vielleicht haben diese jungen Menschen auch nur einfach etwas begriffen: Dass wir als Menschen eben nicht von unserer Umwelt und anderen Menschen getrennt sind. Dass ihr Handeln nicht ohne Wirkung bleibt. Dass sie daher gut daran tun, auf sich und aufeinander zu achten. Weil man Geld nicht essen kann. Stand das nicht auf den Demo-Plakaten der 80er und 90er Jahre? Wer sind wir „älteren Generationen“, dass wir ihnen vorwerfen zu leben, was wir predigten? Sollten wir vielleicht vielmehr uns selbst prüfen, ob wir nicht ein wenig neidisch sind auf eine Fähigkeit, die uns in den krisengeschüttelten Zeiten unseres frühen Arbeitslebens abhanden gekommen ist? Auf die Fähigkeit, unseren Herzen zu folgen? Ich finde, dies sollte uns „alten Hasen“ einen Moment des Nachdenkens wert sein.

Ich bin jedenfalls froh, dass sich hier etwas bewegt. Dass sich Dinge ändern in der Wirtschaftswelt. Gezwungenermaßen, weil der Druck der Demographie nun auf den Firmen lastet. Evolution macht eben nicht am Firmentor Halt. Gott sei Dank. Ich hoffe, dass die Wirtschaft begreift, dass diese neue Generation an Arbeitnehmern nicht Last bedeutet. Sondern den Schritt zu tatsächlicher sozialer Unternehmensverantwortung statt ebenso teurer wie luftleerer Corporate-Social-Responsibility-Kampagnen. Mit schlanken Strukturen und vielfach inhabergeführten Unternehmen dürfte der Mittelstand durchaus punkten im Wettkampf um die jungen Talente.

Die Vertreter der Generation Y haben anscheinend tatsächlich den Mut, ihrem eigenen Herzen und ihrer Intuition zu folgen. Sie tun genau das, wozu Steve Jobs die Studenten in seiner bewegenden Rede zur Abschlussfeier an der Standford University aufforderte. Sie machen die Dinge nicht nur anders, sondern wahrscheinlich vielfach auch besser als ihre Vorgänger. Ich jedenfalls freu mich auf sie.

Quellen:

Buchhorn, Eva / Werle, Klaus: Generation Y – Die Gewinner des Arbeitsmarkts. Spiegel online. Abgerufen am 07.06.2014 unter: http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/generation-y-die-gewinner-des-arbeitsmarkts-a-766883.html

Bund, Kerstin: Wir sind jung. Zeit online. Abgerufen am 07.06.2014 unter: http://www.zeit.de/2014/10/generation-y-glueck-geld

Deutschen Universität für Weiterbildung: Generation Y: Karriere ohne Kompromisse.  Abgerufen am 07.06.2014 unter: http://www.duw-berlin.de/no_cache/de/presse/pressemitteilungen/pm/datum/2012/03/26/generation-y-karriere-ohne-kompromisse.html

Egon Zehnder International: Digital Natives fordern Personalchefs heraus. Abgerufen am 07.06.2014 unter: http://www.egonzehnder.com/de/leadership-insights/digital-natives-fordern-personalchefs-heraus.html

Gurol, Julia: Der Kotzbrocken als Chef hat ausgedient. Wirtschaftswoche online. Abgerufen am 07.06.2014 unter http://www.wiwo.de/erfolg/management/fuehrungsstaerke-manager-brauchen-sensibilitaet/9884714-2.html.

Jobs, Steve: Du musst finden, was Du liebst. Rede an der Standford Univerisity. Abgerufen am 07.06.2014 unter http://news.stanford.edu/news/2005/june15/jobs-061505.html

PricewaterhouseCoopers: Studie „Managing tomorrow’s people. Millennials at work – perspectives from a new generation“. Abgerufen am 07.06.2014 unter: http://www.pwc.de/de_DE/de/prozessoptimierung/assets/millennials_at_work_report08.pdf

Stalinski, Sandra: Spaß, Selbstverwirklichung und Yoga. Tagesschau.de. Abgerufen am 07.06.2014 unter http://www.tagesschau.de/wirtschaft/generationy100.html

 

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