Risk Management by The Beatles. Oder: Die Macht der Kooperation

Ursprünglich hatte das einmal ein Beitrag über Risikomanagement werden sollen. Ich wollte über Websites, Software-Releases und Backups schreiben, und darüber, warum Sie beim Hosten eines eigenen WordPress-Blogs immer, immer, wirklich immer ein Childtheme benutzen sollten, wenn Sie mit einem angepassten Theme arbeiten. Und dann wollte ich Ihnen anhand dieses Beispiels zeigen, was Sie daraus für das Risikomanagement Ihres Unternehmens mitnehmen sollten. Doch dann kam es ein bisschen anders. Aber der Reihe nach.

Damit Sie mir besser folgen können, entführe ich Sie zunächst einmal kurz in die Welt des Webdesigns und der Softwareentwicklung. (Keine Sorge, ich versuche, es einfach zu halten. 😉 ) Die Website, die Sie gerade vor sich sehen, läuft auf dem Content Management System (CMS) WordPress. Mit einem CMS können Sie Webseiten recht einfach selbst gestalten und verwalten. WordPress ist

  1. kostenlos,
  2. einfach zu benutzen ist und
  3. finden Nutzer in der großen Online-Community in der Regel rasch Hilfe.

Daher gewann es schnell an Beliebtheit. (Mehr über WordPress erfahren Sie auf der WordPress-Website.)

Anders als die meisten CMS trennt WordPress die Optik einer Website von ihren technischen Funktionen. Das Grundmodul können Sie um eine Vielzahl von Zusatzfunktionen erweitern, sogenannte Plugins. Die Optik wird über Themes gestaltet, auch Templates genannt. Sie funktionieren so ähnlich wie Ihr Folienmaster bei MS Powerpoint. Plugins und Themes gibt es in großer Auswahl sowohl kostenfrei als auch kostenpflichtig. Mit letzteren finanzieren Programmierer die Entwicklung kostenfreier Angebote mit. Alles in allem basiert die WordPress-Community wie alle OpenSource-Projekte auf Freiwilligkeit und Freigiebigkeit: Jeder gibt in irgendeiner Form Zeit, Geld und / oder Wissen in die Community und bekommt selbige aus der Gemeinschaft zurück.

Jetzt komme ich endlich zum Risikomanagement. 😉 Nach dem Motto „neues Jahr, neue Engine“ beschloss ich nach dem Jahreswechsel, endlich auf die neue Version von WordPress zu aktualisieren. Die letzte Ausgabe hatte viele Veränderungen mit sich gebracht. Um Risiken möglichst auszuschließen, hielt ich mich wie immer an meine Checkliste fürs Risikomanagement:

Mögliche Risiken Schritte Risikomanagement
01 Kinderkrankheiten der neuen Version (Programmierfehler) verursachen Funktionsfehler mindestens zwei korrigierte Versionsvarianten abwarten
02 Inkompatibilität zwischen Software und Umgebung Prüfen: Stellt Internetprovider nötige Voraussetzungen zur Verfügung?
03 Anforderungen an Systemumgebung nicht erfüllt
  1. Provider damit beauftragen, Voraussetzungen an Systemumgebung herzustellen
  2. eventuell Providerumzug
04 Datenverlust Datensicherung durchführen:

  1. Backup Datenbank
  2. Backup Content

Ich hatte die Schritte 1 bis 4 befolgt und das Update erfolgreich durchgeführt. Alles klappte wie am Schnürchen. Zufrieden fuhr ich meinen Rechner herunter.

Eher zufällig merkte ich am nächsten Morgen, dass meine Seite nicht mehr vollständig funktionierte. Das Hauptmenü klappte nicht mehr auf, wenn man den Mauszeiger darüber bewegte, sodass die Unterpunkte des Menüs nicht sichtbar waren. Wer zum ersten Mal auf meine Seite kam, würde das nicht merken, aber er hatte keinen Zugang zu wichtigen Informationen. Also ging ich über zu Teil 2 meines Risikomanagementplans.

Mögliche Risiken Schritte Risikomanagement
05 Funktionalität ist nach Update eingeschränkt Plugins aktualisieren
06 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt Theme(s) aktualisieren

Nach Schritt 5 und 6 stellte ich fest, dass mein Hauptmenü jetzt zusätzliche Fehler aufwies: Fuhr ich mit dem Mauszeiger darüber, wechselten die berührten Menüpunkte zwar ordnungsgemäß die Farbe. Allerdings wechselten sie nicht mehr in die  Ausgangsfarbe zurück, sodass am Ende mein gesamtes Hauptmenü grau unterlegt war.

Als ich 2010 meine aktuelle Website in Betrieb nahm, hatte ich mir einige Zusatzfunktionalitäten eingerichtet. Außerdem hatte ich die Seite an meine Corporate Identity angepasst. Dafür musste ich ein bisschen an der Optik herumprogrammieren und mir ein bestehendes Theme „zurechtschneidern“. Das war einigermaßen aufwändig gewesen und hatte mich ein paar Tage Arbeit gekostet. Wie es aussah, hatte die Aktualisierung des Themes meine Anpassungen überschrieben.

(Natürlich hätte ich das auslagern können. Aber einerseits wollte ich wissen, was alles mit WordPress geht. Eigene Erfahrung verbessert die Zusammenarbeit mit Web- und Werbe-Agenturen ungemein. Andererseits war mein Ehrgeiz geweckt. Immerhin hatte ich als Consultant bei Accenture deutlich größere Projekte gestemmt. Gegen JavaScript sollte so ein bisschen php doch ein Klacks werden. Außerdem hat Programmierung auch so etwas Schöpferisches. Wir Berater produzieren ja selten etwas „Sichtbares“. Hier gab es einmal Gelegenheit, so etwas wie einen Fußabdruck zu hinterlassen. 😉 )

Zum Glück hatte ich damals ein Childtheme angelegt. Ein Childtheme basiert einem anderen Theme, von dem man eine Kopie anfertigt und diese statt des Originals verändert. Zerstört eine Aktualisierung des ursprünglichen Themes die Funktionalität, kann man das Problem sehr leicht beheben: Man spielt einfach das Childtheme aus der Datensicherung wieder auf. (Deswegen sollten Sie immer, immer, wirklich immer ein Childtheme benutzen. Michaela Steidl erklärt Schritt für Schritt in ihrem WordPress-Bistro, wie das geht.)

Mögliche Risiken Schritte Risikomanagement
07 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt Datensicherung einspielen

Leider brachte Schritt 7 nicht den erwarteten Erfolg. Zugegeben wurde ich langsam doch etwas unruhiger, als ich zu Schritt 8 überging:

Mögliche Risiken Schritte Risikomanagement
08 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt
  1. Plan B einleiten
  2. Interimlösung aktivieren
  3. Fehler suchen und beheben

Eine Seitennavigation herzustellen und als Interimlösung ins Sichtfeld zu schieben, war noch die leichtere Übung von „Plan B“. „Fehler suchen“ umfasste in diesem Fall nämlich, mich noch einmal durch sämtlichen Programmcode zu arbeiten. Wohlgemerkt: Durch Code, den ich vor über 3 Jahren geschrieben hatte. Sicherheitshalber trank ich zur Nervenberuhigung noch eine heiße Schokolade, bevor ich mich daransetzte. Die Schritte 8 und 9 liefen weitestgehend parallel:

Mögliche Risiken Schritte Risikomanagement
09 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt Support suchen

In den folgenden 3 Tagen wurde ich nicht nur wieder ziemlich fit in Webprogrammierung, sondern lernte auch noch zusätzliche Entwickler-Tools, -Plattformen und Supportforen kennen. OpenSource-Software hat den großen Vorteil, kostenlos zu sein. Aber der Nachteil ist, dass man im Fall des Hilfebedarfs a) seine Fragen in möglichst vielen Supportforen streuen muss, um Antwort zu bekommen und b) auch einmal ein paar Stunden warten muss, bis sich jemand des Problems annimmt. Wer unter Ungeduld und schwachen Nerven leidet, sollte sich lieber für eine kostenpflichtige Nutzerbetreuung entscheiden.

Nach 1,5 Tagen hatte noch niemand auf meine Anfrage reagiert. Nach fast 2 Tagen war die einzige Antwort ein Vorschlag, den ich bereits in meiner Anfrage als erfolglos probiert genannt hatte. Trotzdem ging ich dem erneut nach, um sicherzustellen, dass ich auch alles richtig gemacht hatte.

Inzwischen hatte ich meine Checkliste innerlich bereits um folgende Punkte erweitert:

Mögliche Risiken Schritte Risikomanagement
10 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt
  1. *#&/§$%?!?!!????
  2. Erneut Support suchen
11 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt
  1. Panik vermeiden
  2. Support nerven

Ja, ich gebe zu, dass ich sogar erwog, meine Liste offiziell um zwei weitere Eskalationsstufen zu ergänzen:

Mögliche Risiken Schritte Risikomanagement
12 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt
  1. Meditieren, wahlweise beten
  2. Erneut Support nerven
13 Funktionalität ist weiterhin eingeschränkt Abwechselnd meditieren und beten

(Übrigens tatsächlich keine so schlechte Idee. Mentaler Stress mindert die Fähigkeit zu rationalen Entscheidungen. Sowohl Meditation als auch Beten wirken sich dagegen nachgewiesen postiv auf die beteiligten Gehirnareale aus. Aber dazu ein anderes Mal mehr aus den Forschungsberichten von EURICORE. )

Glücklicherweise traf mich ein Gedankenblitz: Ich stellte mein Problem in der WordPress-Gruppe von XING ein. Kurze Zeit später hatte ich den ersten hilfreichen Hinweis. Und noch während ich eine Antwort darauf schrieb, kam bereits der rettende Vorschlag von Esther Nowack. Sie hatte sich meine Website unter die Lupe genommen und den Fehler entdeckt: Eins der Plugins war schuld. Warum der Fehler erst einen Tag nach der Aktualisierung  statt sofort auftrat, wird ein Mysterium bleiben. Aber nachdem ich das Plugin deaktivierte, funktionierte alles wieder einwandfrei. :-)

(An dieser Stelle nochmal ganz herzlichen Dank der ganzen WordPress-Gruppe von Xing, die immer schnell mit Rat und Tat zur Stelle ist. Insbesondere danke ich Michaela Steidl vom WordPress-Bistro, Esther Nowack von webmatter.de und Friedhelm Oja von oja.de, die die Gruppe mit ihren kompetenten Beiträgen sehr bereichern. Und die abgesehen davon auch menschlich überaus sympathisch sind. :-) )

Und was ist die Moral von der Geschicht? Ohne Hilfe von anderen Menschen funktioniert Risikomanagement (oft) nicht. Jedenfalls nur bis zu einem gewissen Grad. Wir sind nun einmal soziale Wesen. Allein der Zuspruch in den Foren und das Gefühl „da kümmert sich jemand“, ließen das Problem gleich viel kleiner erscheinen. Schlussendlich fanden wird dann auch zusammen die Lösung. Der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft ist eben immer noch in jeder Situation das beste Risikomanagement. Seitdem hab ich diesen Ohrwurm von den Beatles im Kopf: „I’ll get by with a little help from my friends.“  😉

Die Natur hat uns Menschen weder mit der Scharfsichtigkeit eines Adlers, noch mit der Schnelligkeit eines Gepards ausgestattet. Wir leben vom Vorteil der Gemeinschaft. WordPress ist ein anschauliches Modell, wie diese Gemeinschaft Erfolge erzielen kann. Der ganze Social-Media-Sektor lebt davon. Aber auch Produktkooperationen tragen zu Imagegewinn und Unternehmenswachstum bei. So werben z.B. viele Notebookhersteller inzwischen mit dem Slogan „Intel inside“ und werten ihr Produkt damit auf. Der Prozessorhersteller Intel wiederum hat es auf die Weise geschafft, seinem Wettbewerber AMD wichtige Marktanteile abzuringen.

Wie wäre es also, wenn auch Sie es bei der nächsten Herausforderung einmal mit Kooperation probieren? Ich habe jedenfalls gute Erfahrungen damit gemacht. Und falls ich jemals einen Kundensupport betreiben sollte, setze ich „With a little help from my friends“ schon einmal auf die Liste potenzieller Musiktitel für die Warteschleife. 😉

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in DDMC, Enterprise 2.0, Gesellschaft, Nachdenkliches, Risikomanagement, Social Media, Unternehmensführung, Web 2.0. Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

4 Kommentare

  1. Erstellt am 30. Januar 2014 um 08:35 | Permanent-Link

    Liebe Frau Eigner,

    was für ein Schreck … Ich kann gut verstehen, dass einem in so einem Moment nach beten und meditieren zumute ist :-)

    Darf ich Ihren Notfall-Plan an dieser Stelle um einen Punkt ergänzen – Nach Punkt 6 und vor Punkt 7:

    Alle Plugins deaktivieren und prüfen, ob der Fehler weiterhin besteht. Falls nicht, die Plugins einzeln wieder aktivieren um herauszufinden, wer der Störenfried ist. :-)

    Ansonsten ein sehr lesens- und empfehlenswerter Artikel.

    Herzliche Grüße
    Michaela Steidl

    • Erstellt am 30. Januar 2014 um 23:16 | Permanent-Link

      Liebe Frau Steidl,

      über Ihr Kompliment freue ich mich sehr. :-)

      Danke auch für den Hinweis! Sie haben recht – genau daran hatte ich nicht gedacht. 😉 Ich überlege, die Checkliste zu ergänzen und als Download zur Verfügung zu stellen. Vielleicht ist das ja dann auch für Ihre Kunden ein wertvoller Link zur Arbeitserleichterung? Wenn schon wir Profis solche Dinge einmal aus den Augen verlieren … 😉

      Herzliche Grüße
      Anja Eigner

  2. Erstellt am 30. Januar 2014 um 10:29 | Permanent-Link

    klasse artikel! :)
    ich habe auch schon sehr gute, ähnliche erfahrungen, hier: mit facebook-gruppen zu wordpress gemacht…
    lg°sg

    • Erstellt am 30. Januar 2014 um 23:24 | Permanent-Link

      Danke für Ihr tolles Feedback, Herr Gebele! :-)

      Ja, die Community ist oft wirklich unschätzbar – da kann ich Ihnen nur zustimmen! Ich hatte neben XING meine Anfrage auch in ein Entwickler-Forum eingestellt, da im eigentlichen Support-Bereich keine Reaktion kam. Da war ruck-zuck eine Antwort da. Toll! :-)

      Vielleicht mögen Sie mir die jeweiligen Facebook-Gruppen einmal nennen? Wer weiß, wann ich mal wieder auf die Gemeinschaft zurückgreifen muss. 😉 Würde mich sehr freuen!

      Herzlich,
      Anja Eigner

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